Gesundheitsregion Thüringen e.V.
Im April vorigen Jahres wurde der Verein "Gesundheitsregion Thüringen" durch Vertreter von gesundheitlichen Organisationen, Krankenkassen, Verbänden, öffentlichen Institutionen, Betrieben und Banken gegründet. Anliegen ist es, das Gesundheitswesen in Thüringen zu fördern. Viele Netzwerke gibt es bereits, die in ihren Bereichen schon hervorragende Arbeit leisten. Ziel der neu gegründeten Organisation ist es, darüber hinaus bereichsübergreifend, die an der Gesundheitspolitik Beteiligten zusammenzuführen und in Gesprächen Probleme aufzutun, gemeinsame Interessen zu bündeln und durch neue Ideen neue Wege und Lösungen anzugehen. Zur Zeit können wir in Thüringen eine gute medizinische Versorgung verzeichnen. Aber wie sieht es in ein paar Jahren aus, wenn der demographische Wandel seine Spuren hinterlässt?
Zu einer ersten gesundheitspolitischen Gesprächsrunde zum Thema "Gesundheitswirtschaft vor dem Hintergrund des demographischen Wandels" haben die Veranstalter am 29.08.2011 in den großen Saal der IHK Erfurt eingeladen. Begrüßt wurden die Teilnehmer und Gäste, unter ihnen auch der ehemalige Gesundheitsminister Dr. Pietzsch, Prof. Dr. Neubauer und Herr Österheld, durch den Vorstandsvorsitzenden Herrn Rolf Heller. Breit gefächert waren die Bereiche aus denen die ca. 100 Teilnehmer der Veranstaltung kamen. Dr. Schubert, Staatssekretär des Thüringer Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Familie hob in seinem Grußwort hervor, dass der Gesundheitsbereich nicht nur ein großer sozialer Faktor, sondern auch ein großer Wirtschaftsfaktor ist. Daher gilt es besonders, die Infrastruktur zu verbessern, um gut ausgebildete Jugendliche im Land zu halten. Noch ist die Zahl der Abwanderer größer, als die der Zuwanderer. Er sprach Stipendien für junge Ärzte an, die sie erhalten können, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium im Land zu bleiben.
Weiterhin ging er auf den sozialen Strukturatlas ein. Der Anteil der älteren Bevölkerung wird sich in den nächsten Jahren nahezu verdoppeln, die Zahl der Kinder jedoch wird relativ konstant bleiben. Wir brauchen mehr Kinder, so Dr. Schubert.
Ja, die demographische Entwicklung in Deutschland ist schon sehr bedrohlich und ungesund. Das Verhältnis zwischen junger und älterer Bevölkerung gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Eine Entwicklung, die ein Umdenken erfordert, eine Überprüfung unserer Wertevorstellungen, bei jedem Einzelnen, in der Wirtschaft und bei den Politikern.
Prof. Dr. Neubauer, vom Institut für Gesundheitsökonomik München, beleuchtete das Thema zunächst aus globaler Sicht. Er stellte die Aussage in den Raum, dass eine wachsende Bevölkerung - weltweit gesehen - nicht nur Glück ist!
Die Bevölkerung auf der Erde ist mittlerweile auf 7 Mrd. angewachsen. Wir in Deutschland leben auf hohem Niveau. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf der Bevölkerung liegen hier bei 3.737 $, während es in der Welt durchschnittlich 854 $ sind. Bei aller dramatischen Entwicklung in Bezug auf den zunehmenden demographischen Wandel muss man auch die Chancen sehen, die sich auftun. "Wir können den Wohlstand halten, ohne dass die Bevölkerung wachsen muss. Mehr Kinder aus Freude, nicht aus der Verpflichtung heraus, sollte es geben. Man kann nicht Probleme von morgen mit Mitteln von gestern lösen", so Prof. Dr. Neubauer.
Der Gesundheitsmarkt ist eine bedeutende Wachstumsbranche und ein großer Arbeitgeber. Medizintechnisch gesehen gibt es zahlreiche Innovationsfelder, wie z.B. in der Forschung oder durch Biotechnologien. Es werden neue Gesundheitsberufe entstehen, einer wäre z. B. der Patienten-Betreuer. Ärzte müssen lernen, Aufgaben zu delegieren. Der Kostenaspekt ist zu berücksichtigen. Heute fährt der Arzt zum Patienten. Ist es nicht effektiver, die Patienten zum Arzt zu fahren? Die Gesundheitswirtschaft hat Zukunft. Das Verhältnis Wirksamkeit und Kosten muss jedoch dabei stimmen.
Vorsorge und Prävention sind wichtig. Jeder Einzelne von uns sollte bereit sein zur eigenen Disziplin, denn der Staat kann nicht alles richten. Neben der Grundversorgung kommen freiwillige Zusatzversicherungen und Selbstzahler. Innovationen werden immer zuerst von denen bezahlt, die es sich leisten können. Später, wenn diese Leistungen günstiger werden, werden sie von mehreren in Anspruch genommen.
Die nachfolgende Diskussion bestätigte das Ansinnen der Veranstalter, eine Plattform des Gedankenaustausches zu etablieren, damit der eine von der Problematik des anderen weiß.
Es wurden Bedenken zum neuen Versorgungsstrukturgesetz geäußert, so z.B. dass junge Ärzte in ein Gebiet gehen sollen, wo nur ältere Menschen leben. Sollte das die richtige Lösung sein? Das Versorgungsstrukturgesetz wird kommen, das können wir nicht ändern, antwortete Dr. Neubauer, aber das Thüringer Gesundheitsministerium kann Einfluss nehmen. Das Land kann verschiedene Minister zusammenbringen und mit Vertretern aus den Fachgremien tragbare Lösungen finden.
In Frage gestellt wurde u.a. auch die Diskussion um Finanzierungsprobleme im Sprechzimmer, die Information der Patienten durch die Ärzte: welche Leistungen werden bezahlt und welche nicht. Die Öffentlichkeit sollte auf andere Weise aufgeklärt werden, so die Forderung der Ärzte.
Meinungen gingen in der Gesprächsrunde auseinander, vorsichtige Bedenken wurden geäußert, besonders zur Delegation bestimmter Aufgaben. Unterschiedliche Interessen und Sichtweisen traten hervor, aber in einem waren sich die Anwesenden einig: Der Ansatz ist gut. Wir alle müssen im System Gesundheitswesen denken, um gemeinsam neue Lösungsansätze zu finden und neue Wege zu gehen.
gez. ZIT